GrundlagenGrundkursKapitel 033 von 5 veröffentlicht
Token, die Bausteine der Sprache
Ein Sprachmodell liest keine Wörter. Es liest Token. Das klingt nach einer Kleinigkeit für Fachleute, erklärt aber eine ganze Reihe von Dingen, über die Anwender sonst stolpern: warum ein deutscher Text mehr kostet als der gleiche englische, warum ein Modell Buchstaben nicht zuverlässig zählen kann, und warum irgendwann mitten in einem langen Gespräch der Anfang verloren geht.
Probieren Sie es aus
Die folgenden Beispiele sind nicht geschätzt. Sie wurden mit dem echten Vokabular zerlegt, das die GPT-4o-Familie verwendet.
Zum Ausprobieren
Dieses Element zum Ausprobieren braucht JavaScript. Der Text davor und danach erklärt dieselbe Sache ohne Mitmachen.
Ein paar Dinge fallen sofort auf.
Beim Alltagssatz passt fast jedes Wort in genau ein Token. So sieht der Normalfall aus, und deshalb kommt man mit der groben Faustregel „ein Token ist ungefähr ein Wort” im Englischen ziemlich weit.
Beim Fachbegriff kippt das. „Künstliche Intelligenz” braucht sechs Token, „artificial intelligence” zwei. Beides ist derselbe Begriff, aber das Vokabular kennt die englische Schreibweise als Ganzes und die deutsche nicht.
Beim langen Wort wird es deutlich. Ein deutsches Kompositum zerfällt in Bruchstücke, die für sich genommen nichts bedeuten. Das Modell setzt daraus trotzdem einen Sinn zusammen, es hat nur mehr Arbeit damit.
Warum das im Alltag zählt
Deutsch ist teurer. Abgerechnet wird nach Token, nicht nach Wörtern. Wie groß der Aufschlag ist, hängt vom Text ab. In den drei Beispielen oben, die es in beiden Sprachen gibt, reicht die Spanne von gleichauf beim Alltagssatz bis zum Doppelten beim langen Wort. Wer regelmäßig größere Mengen verarbeitet, sollte den eigenen Text einmal messen statt zu schätzen, dafür gibt es die Werkzeuge weiter unten.
Der Platz ist begrenzt. Jedes Modell hat ein Kontextfenster, gemessen in Token. Alles, was zusammen hineinpasst: die Anweisung, die angehängten Dokumente, der bisherige Gesprächsverlauf und die Antwort. Ist es voll, fällt der Anfang heraus.
Zeichen sind unsichtbar. Das Modell sieht das Token „·Katze”, nicht die fünf Buchstaben darin. Fragen nach Buchstabenzahlen, Reimen oder dem dritten Zeichen von hinten treffen deshalb auf eine Wahrnehmung, die diese Ebene gar nicht hat. Die bekannten Fehlschläge bei solchen Aufgaben sind kein Zeichen von Dummheit, sondern eine Folge der Zerlegung.
Mit eigenem Text nachsehen
Das Modul oben hat feste Beispiele, weil die Zerlegung beim Bauen dieser Seite entstanden ist und nicht im Browser gerechnet wird. Für eigenen Text gibt es zwei Werkzeuge, die im Browser laufen und nichts kosten:
Tiktokenizer (externe Seite, tiktokenizer.vercel.app) ist das genauere von
beiden. Oben links wählt man das Modell, etwa gpt-4o. Man tippt Text ins Feld
und sieht sofort die Zerlegung farbig markiert, dazu die Zahl der Token. Der
Schalter „Show whitespace” macht Leerzeichen sichtbar, was den Aha-Moment
liefert: das Leerzeichen gehört zum Token. Lohnende Versuche sind der eigene
Name, eine E-Mail-Adresse, eine Telefonnummer, ein Codeschnipsel und derselbe
Satz einmal auf Deutsch und einmal auf Englisch.
Der Tokenizer von OpenAI (externe Seite, platform.openai.com) ist schlichter und zeigt neben der Zerlegung auch die Nummern, die jedes Token im Vokabular hat. Für den ersten Eindruck reicht er.
Beide zeigen nur die Vokabulare von OpenAI. Andere Anbieter zerlegen anders, die Größenordnung bleibt aber vergleichbar.
Zwischen dem Satz, den jemand eintippt, und der Rechnung, die ein Modell anstellt, liegen drei Übersetzungen. Keine davon ist besonders schlau, aber alle drei bestimmen, was danach möglich ist.
seitlich verschiebbar
eigene Darstellung, Token-IDs erhoben am 26.07.2026
Das Vokabular
Ein Modell hat eine feste Liste von Textstücken, die es kennt. Bei o200k_base,
dem Vokabular der GPT-4o-Familie, sind das rund 200.000 Einträge. Jeder Eintrag
hat eine Nummer. Alles, was hineingegeben wird, muss sich aus diesen Einträgen
zusammensetzen lassen.
Damit das immer aufgeht, enthält die Liste auch einzelne Bytes. Ein Text, der nur aus unbekannten Zeichen besteht, wird also nicht abgelehnt, sondern eben Byte für Byte zerlegt. Das ist der Grund, warum kein Text ein Modell zum Absturz bringt, und zugleich der Grund, warum manche Texte absurd teuer werden.
Wie das Vokabular entsteht
Das Verfahren heißt Byte Pair Encoding, kurz BPE, und stammt ursprünglich aus der Datenkompression. Sennrich, Haddow und Birch haben es 2015 für die maschinelle Übersetzung übernommen.
Der Ablauf ist erstaunlich schlicht:
- Zu Beginn besteht das Vokabular nur aus einzelnen Bytes.
- Über eine sehr große Textmenge wird gezählt, welches Paar benachbarter Einheiten am häufigsten vorkommt.
- Dieses Paar wird zu einem neuen Eintrag verschmolzen.
- Zurück zu Schritt 2, bis die gewünschte Größe erreicht ist.
Häufige Wörter landen dadurch als Ganzes im Vokabular, seltene bleiben in Bruchstücken. Es steckt keine Grammatik dahinter und keine Bedeutung, nur Häufigkeit in den Trainingsdaten. Wer diese Daten dominiert, bekommt die kompakteren Token.
Was die Zerlegung im Betrieb bedeutet
Kosten. Abgerechnet wird nach Ein- und Ausgabe-Token, meist getrennt und zu unterschiedlichen Preisen. Eine Kostenschätzung, die in Wörtern rechnet, geht bei deutschen Fachtexten regelmäßig daneben.
Kontextfenster. Die Obergrenze gilt für alles zusammen: Systemanweisung, Werkzeugbeschreibungen, angehängte Dokumente, bisheriger Verlauf und die entstehende Antwort. Ein Fenster von 200.000 Token bedeutet nicht 200.000 Token Nutztext.
Geschwindigkeit. Ausgegeben wird Token für Token. Eine deutsche Antwort braucht für denselben Inhalt mehr Schritte als eine englische und wirkt deshalb langsamer, auch bei gleichem Modell und gleicher Last.
Zerlegung von Bezeichnern. Kundennummern, Artikelschlüssel und IDs zerfallen in Stücke, die nichts miteinander zu tun haben. Wenn ein Modell eine Auftragsnummer verstümmelt wiedergibt, ist das oft hier begründet und nicht in mangelnder Sorgfalt.
Zum Nachsehen
Dieselben Beispiele, zum Vergleich
Dieses Element zum Ausprobieren braucht JavaScript. Der Text davor und danach erklärt dieselbe Sache ohne Mitmachen.
Für eigenen Text: Tiktokenizer (externe Seite, tiktokenizer.vercel.app). Modell oben links wählen, Text eintippen, „Show whitespace” einschalten. Aufschlussreich sind Auftragsnummern, E-Mail-Adressen, JSON und derselbe Absatz in zwei Sprachen. Wer die Nummern der Token sehen will, nimmt den Tokenizer von OpenAI (externe Seite, platform.openai.com).
Was daraus für die Praxis folgt
Wer Dokumente für eine Wissensbasis zerschneidet, sollte in Token messen, nicht in Zeichen. Wer Kosten plant, misst einen echten Beispieltext statt zu extrapolieren. Und wer ein Modell nach Buchstaben, Silben oder Reimen fragt, sollte wissen, dass es die Ebene, auf der die Antwort läge, gar nicht sieht. Diesem letzten Punkt geht die dritte Tiefe nach.
Die Zerlegung ist die einzige Stelle in der ganzen Kette, an der ein Modell etwas verliert, das sich später nicht mehr rekonstruieren lässt. Alles danach ist gelernt und damit im Prinzip verbesserbar. Was das Vokabular nicht abbildet, kommt nie an.
Die Zerlegung ist nicht sprachlich motiviert
BPE optimiert Häufigkeit, nicht Bedeutung. Das führt zu Grenzen, die quer zu
allem liegen, was ein Linguist ziehen würde. Im Beispiel oben zerfällt
„Künstliche” in K, ünst, liche. Der erste Buchstabe steht allein, weil das
Vokabular die Wortform mit großem K seltener gesehen hat als die kleine.
Daraus folgt eine Eigenheit, die im Betrieb regelmäßig auffällt: Groß- und
Kleinschreibung sowie ein führendes Leerzeichen erzeugen verschiedene Token.
Katze, katze, ·Katze und ·katze sind vier verschiedene Einträge mit vier
verschiedenen Nummern. Das Modell hat gelernt, dass sie zusammengehören, aber
nicht, weil es die Buchstaben vergleicht.
Zerlegung im Detail
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Zahlen und Code
Sehen Sie sich im Modul die beiden letzten Beispiele an.
Beim Datum 24.07.2026 zerfällt die Jahreszahl in 202 und 6. Das ist kein
Zufall, sondern die Folge davon, dass 202 als Zeichenkette häufiger vorkam als
2026. Bei 1.299,90 trennt das Vokabular an Punkt und Komma und zerlegt die
Ziffernblöcke nach eigener Logik.
Damit ist erklärt, warum Sprachmodelle beim Rechnen so eigentümlich scheitern: Sie sehen keine Stellenwerte. Zwei Zahlen, die sich nur in der letzten Ziffer unterscheiden, können völlig unterschiedlich zerlegt sein. Die Zuverlässigkeit bei Arithmetik steigt deshalb sprunghaft, sobald das Modell die Rechnung an ein Werkzeug abgibt statt sie selbst zu erzeugen. Das ist der eigentliche Grund für den Werkzeugaufruf, nicht Bequemlichkeit.
Bei Programmcode ist die Lage besser, weil Code in den Trainingsdaten stark
vertreten war. Trotzdem zerfällt werte in wer und te, während .reduce als
ein Token durchgeht. Einrückung ist ebenfalls Token: Vier Leerzeichen am
Zeilenanfang kosten in manchen Vokabularen ein eigenes Token je Ebene. Bei
großen Dateien summiert sich das.
Verschiedene Vokabulare, verschiedene Zahlen
Es gibt kein allgemeingültiges Token. Wechselt man das Modell, ändert sich die Zerlegung und damit jede Zahl, die daran hängt.
| Vokabular | Typische Verwendung | Einträge |
|---|---|---|
cl100k_base | GPT-3.5, GPT-4 | rund 100.000 |
o200k_base | GPT-4o und Nachfolger | rund 200.000 |
Andere Anbieter nutzen eigene Vokabulare mit eigenen Größen. Größer heißt tendenziell sparsamer bei nicht-englischem Text, kostet dafür mehr Speicher in der Einbettungsschicht.
Praktische Folge: Eine Kostenrechnung, ein Grenzwert für die Länge eines Textabschnitts oder ein Prüfwert im Testlauf gelten immer nur für ein bestimmtes Vokabular. Beim Modellwechsel gehören sie neu gemessen. Wer solche Werte hartkodiert, baut sich eine Zeitbombe ein.
Konsequenzen für den Bau von Systemen
Chunking. Beim Zerschneiden von Dokumenten für eine Wissensbasis wird die Länge in Token gemessen, nicht in Zeichen. Eine Grenze in Zeichen führt bei deutschen Fachtexten zu Abschnitten, die das Fenster des Einbettungsmodells überschreiten, während sie bei englischen Texten Platz verschenkt.
Kostenschätzung. Nicht hochrechnen, sondern an einem repräsentativen Ausschnitt messen. Der Unterschied zwischen Schätzung und Messung liegt bei deutschen Fachtexten regelmäßig im zweistelligen Prozentbereich.
Ausgabegrenzen. Ein Limit für die Antwortlänge in Token trifft deutsche Antworten härter als englische. Wer dieselbe Grenze für beide Sprachen setzt, schneidet deutsche Antworten früher ab.
Formatvorgaben. JSON-Antworten kosten Token für Klammern, Anführungszeichen und Feldnamen. Bei vielen kleinen Aufrufen ist der Anteil dieses Gerüsts an den Gesamtkosten nicht klein. Kurze Feldnamen sind hier kein Geiz, sondern messbar.
Zwischenspeicher. Verfahren, die Teile der Eingabe zwischenspeichern, gleichen in der Regel Token-Folgen ab, nicht Zeichenketten. Eine Systemanweisung, die sich am Anfang um ein einziges Zeichen ändert, kann die gesamte Wiederverwendung entwerten. Der stabile Teil gehört deshalb nach vorn, der wechselnde nach hinten.
Was man daraus nicht schließen sollte
Die Zerlegung erklärt eine Reihe von Fehlern, aber nicht alle. Wer jedes schwache Ergebnis auf den Tokenizer schiebt, hört auf, nach der eigentlichen Ursache zu suchen. Ein Modell, das eine Frage inhaltlich falsch beantwortet, scheitert fast nie an der Zerlegung. Ein Modell, das eine Zeichenkette verstümmelt, eine Zahl verrechnet oder Buchstaben zählt, oft schon.
Der Prüfschritt ist einfach: Lässt sich der Fehler reproduzieren, wenn man dieselbe Frage in einer anderen Formulierung oder auf Englisch stellt? Bleibt er bestehen, liegt es nicht am Tokenizer.
Quellen
4 Einträge, davon 1 Schlüsselarbeit3 erreichbar · 1 nicht erreichbar
Erreichbarkeit automatisch geprüft
SchlüsselarbeitOriginalarbeiterreichbar
Attention Is All You Need (externe Seite, arxiv.org)
arxiv.orggeprüft 27.07.2026
Die Arbeit, mit der alles anfing. Vaswani und sieben Mitautoren stellen am 12.06.2017 die Transformer-Architektur vor und zeigen, dass ein Netz allein über den Mechanismus der Aufmerksamkeit auskommt, ohne die bis dahin übliche schrittweise Verarbeitung. Erst dadurch ließen sich Modelle sinnvoll auf viele Rechenkerne verteilen. Jedes GPT, jedes Claude und jedes Gemini steht auf dieser Arbeit.
Werkzeugerreichbar
Tiktokenizer (externe Seite, tiktokenizer.vercel.app)
tiktokenizer.vercel.appgeprüft 27.07.2026
Zeigt im Browser, in welche Token ein beliebiger Text zerfällt. Modell oben links wählen, Text eintippen, den Schalter für Leerzeichen einschalten. Läuft vollständig lokal, es wird nichts hochgeladen.
Werkzeug
Tokenizer von OpenAI (externe Seite, platform.openai.com)
platform.openai.comgeprüft 26.07.2026
Schlichter als der Tiktokenizer, zeigt dafür zusätzlich die Nummer, die jedes Token im Vokabular trägt. Gut für den ersten Eindruck.
Originalarbeiterreichbar
Neural Machine Translation of Rare Words with Subword Units (externe Seite, arxiv.org)
arxiv.orggeprüft 27.07.2026
Sennrich, Haddow und Birch übertragen 2015 das Byte Pair Encoding aus der Datenkompression auf Sprache. Damit war das Problem seltener Wörter gelöst, und damit steht fest, wie heutige Modelle Text in Token zerlegen.