GrundlagenVibe-Coding / Agentic EngineeringKapitel 03 von 13

Der Init

Gleiches Kapitel, drei Tiefen. Die Wahl gilt überall und bleibt gespeichert.

Tiefe 1: Überblick · Lesezeit 9 Min. · Stand

Ein Agent beginnt jede Sitzung mit leerem Kontextfenster. Das Gespräch von gestern steht nicht mehr darin. Über die Nacht bleibt allein, was auf der Platte liegt, und dafür gibt es zwei Wege: eine Datei, die Sie schreiben, und Notizen, die sich neuere Werkzeuge selbst anlegen. Von der Datei handelt dieses Kapitel, von den Notizen Kapitel 05.

Diese Datei müssen Sie nicht schreiben. Beim ersten Mal schreibt sie der Agent selbst, und deshalb heißt dieses Kapitel „Der Init“.

Der Befehl

Bei Claude Code heißt er /init, andere Werkzeuge haben einen ähnlichen. Er sieht das Projekt durch und legt die Datei an. Laut Gedächtnis-Doku (externe Seite, code.claude.com) untersucht Claude dabei den Code und schreibt eine Datei mit den Befehlen zum Bauen, den Anweisungen zum Testen und den Konventionen des Projekts, die es dabei entdeckt.

Drei Dinge daran sind im Alltag wichtig.

Er liest den Bestand, statt zu fragen. Was in der Datei landet, hat er im Projekt gefunden: die Skripte aus der Paketdatei, die Testbefehle, die Ver­zeich­nis­struktur, erkennbare Konventionen. Wer Regeldateien anderer Agenten im Projekt hat, findet auch deren Inhalt darin wieder.

Eine vorhandene Datei wird nicht überschrieben. Läuft der Befehl ein zweites Mal, schlägt er Verbesserungen vor. Das macht ihn auch später brauchbar, etwa wenn ein Projekt sich stark verändert hat.

Es gibt inzwischen einen mehrstufigen Ablauf, der über die Bestandsaufnahme hinausgeht. Er fragt zuerst, was überhaupt eingerichtet werden soll. Danach erkundet er laut Doku (externe Seite, code.claude.com) den Code mit einem Subagenten, schließt Lücken durch Rückfragen und legt einen Vorschlag zur Durchsicht vor, bevor er auch nur eine Datei schreibt.

Der Unterschied ist die Rückfrage. Die einfache Fassung schreibt, was sie sieht. Die mehrstufige fragt nach, wo sie nichts sieht.

Was dabei herauskommt

Eine Bestandsaufnahme, und die ist genau so viel wert, wie eine Bestandsaufnahme wert ist. Sie enthält, was im Projekt steht. Sie enthält nicht, woran Sie letzte Woche zwei Stunden verloren haben.

Genau darin liegt der Wert der Datei, und er entsteht erst danach: Zeile für Zeile, immer dann, wenn etwas zum zweiten Mal schiefgegangen ist.

Dafür gibt es inzwischen eine Messung. Eine Arbeit vom Februar 2026 hat Agenten dieselben Aufgaben mit und ohne Kontextdatei lösen lassen, einmal mit maschinell erzeugten Dateien und einmal mit solchen, die Entwickler selbst committet hatten. Drei der fünf Verfasser forschen laut Volltext (externe Seite, arxiv.org) an der ETH Zürich. Zwei arbeiten bei LogicStar (externe Seite, logicstar.ai), einer Firma, die Coding-Agenten am eigenen Repository misst und danach verbessert.

Das Ergebnis der Messung (externe Seite, arxiv.org): Eine Kontextdatei hebt den Anteil gelöster Aufgaben im Allgemeinen nicht, und die Kosten der Inferenz steigen dabei im Schnitt um mehr als 20 Prozent.

Hier wird der Befund gern abgeschnitten, und dann liest er sich wie ein Urteil über Pro­jekt­an­wei­sungen überhaupt. Der Satz danach in derselben Arbeit (externe Seite, arxiv.org) trennt zwei Teile der Datei: Die Anweisungen in den Kontextdateien befolgen die Agenten gut. Die Übersichten über das Repository helfen nicht, obwohl sie beliebt sind und von den Anbietern der Modelle empfohlen werden.

Woher die Mehrkosten kommen, erklärt Abschnitt 4.3 im Volltext (externe Seite, arxiv.org): Gerade weil die Agenten den Anweisungen folgen, testen sie mehr und durchsuchen mehr Dateien.

Anweisungen wirken also, und sie kosten Schritte. Was ins Leere geht, ist die Übersicht über das Projekt, und die ist genau der Teil, den der Init schreibt. Er bleibt trotzdem der richtige Anfang: Er legt die Datei an und sammelt die Befehle ein. Alles, was danach zählt, kommt von Ihnen.

Die Datei

Sie liegt im Pro­jekt­ver­zeichnis und ist gewöhnliches Markdown. Je nach Werkzeug heißt sie anders: CLAUDE.md bei Claude Code, AGENTS.md bei vielen anderen, und Claude Code liest inzwischen auch die fremde Datei, wenn keine eigene im Projekt liegt. Inhaltlich ist es dieselbe Sache.

AGENTS.md ist dabei der her­stel­ler­über­grei­fende Standard, entstanden aus der Zusammenarbeit mehrerer Anbieter und heute bei der Linux Foundation. Die Projektseite des Standards (externe Seite, agents.md) beschreibt sie als festen, vorhersehbaren Ort für den Kontext und die Anweisungen, die KI-Agenten beim Programmieren an einem Projekt brauchen, und nennt über 60.000 offene Projekte, die eine solche Datei führen, abgerufen am 3. August 2026. Ein Erhebungsdatum steht nicht dabei.

Ein einziger Dateiname ist daraus trotzdem nicht geworden. Dieselben Werkzeuge, die auf der Unterstützerliste des Standards stehen, führen daneben ihr eigenes Regelverzeichnis weiter, Cursor und GitHub Copilot etwa. Claude Codes Init liest deren beide Formate ohne weiteres aus. Ist die Umgebungsvariable für den mehrstufigen Ablauf gesetzt, kommen vier weitere dazu, darunter AGENTS.md selbst, macht sechs Formate zusammen, was beim Antreten in einem fremden Projekt einiges spart. Ein eigener Befehl, /import, geht weiter und holt die gesamte Einrichtung eines unterstützten Agenten herüber, samt eigenen Befehlen und Skills.

Warum nicht die README

Weil sie zwei verschiedene Leser haben. Der Standard (externe Seite, agents.md) sagt es in einem Satz: Eine README ist für Menschen da, mit Schnellstart, Pro­jekt­be­schrei­bung und Regeln fürs Mitmachen.

Eine README erklärt, worum es geht und wie man mitmacht. Die Projektanweisung sagt, was beim Arbeiten zu beachten ist, und zwar in einer Form, die für Menschen unhöflich wäre: als Liste von Regeln, mit ausdrücklichen Verboten und mit Wiederholungen an den Stellen, wo es darauf ankommt.

Was Sie hinzufügen

Die kürzeste brauchbare Antwort: alles, was Sie sonst ein zweites Mal erklären.

Der Hersteller nennt vier Anlässe, und alle vier sind Beobachtungen statt Kategorien:

  • Der Agent macht denselben Fehler zum zweiten Mal.
  • Sie tippen eine Korrektur, die Sie letzte Sitzung schon getippt haben.
  • Eine Durchsicht findet etwas, das er über dieses Projekt hätte wissen müssen.
  • Ein neuer Kollege bräuchte denselben Hinweis.

Alle vier haben dieselbe Form: Etwas ist bereits passiert. Was ein Agent sich selbst aus dem Code erschließen kann, bleibt draußen; das hat schon der Init erledigt.

Konkret schlägt allgemein

Der Unterschied ist größer, als er aussieht. „Formatiere den Code ordentlich“ ist eine Absichtserklärung, „Zwei Leerzeichen einrücken“ ist eine Anweisung. „Teste deine Änderungen“ kann man nicht befolgen, npm test vor dem Commit ausführen schon.

Die Regel dahinter: Schreiben Sie nur Sätze, bei denen Sie hinterher feststellen können, ob sie befolgt wurden.

Die Datei ist Kontext

Der Hersteller schreibt es als Einschränkung in seine Dokumentation (externe Seite, code.claude.com): Claude behandelt diese Dateien als Kontext, keine durchgesetzte Konfiguration. Die Datei wird gelesen und meistens befolgt, und „meistens“ ist bei einer Regel, auf die man sich verlässt, dasselbe wie nein.

Das ist eine Eigenschaft der Sache: Ein Modell verarbeitet Text, und Ihre Regeln sind Text. Dem Werkzeug fehlt dabei nichts. Wer etwas verbindlich verhindern will, braucht einen Mechanismus daneben, der nicht aus Text besteht. Wie das geht, steht in Kapitel 12.

Ein Hinweisschild wird meistens beachtet, eine Schranke immer. Beide haben ihren Zweck, aber nur einer hält. Zwei Wege nebeneinander: an dem einen steht ein Schild, an dem etwas vorbeigeht, am anderen eine Schranke, an der nichts vorbeikommt. ZWEI ARTEN, EINE REGEL AUFZUSTELLEN Projektanweisung BITTE NICHT MEISTENS BEACHTET, MANCHMAL NICHT Hook oder Einstellung KOMMT NICHT DURCH
Ein Hinweisschild wird meistens beachtet, eine Schranke immer. Für Konventionen genügt das Schild, für alles Weitere nicht.

eigene Darstellung, Stand 03.08.2026

Der zweite Init

Nach ein paar Monaten steht in der Datei mehr, als hineingehört. Dafür gibt es inzwischen einen eigenen Prüfbefehl, bei Claude Code heißt er /doctor. Was er zur Streichung vorschlägt, deckt sich mit der Messung von oben. Laut Doku (externe Seite, code.claude.com) streicht er, was Claude aus dem Code ableiten kann, etwa den Aufbau der Verzeichnisse, Listen der Abhängigkeiten und Übersichten über die Architektur. Es bleiben die Fallstricke, die Begründungen und die Konventionen, die von den Voreinstellungen des Werkzeugs abweichen.

Das ist dieselbe Trennlinie wie beim ersten Init, von der anderen Seite gelesen.

Daneben gibt es einen Aufruf, der nach Überholtem und Widersprüchlichem sucht, /doctor prompt-audit. Die Dokumentation (externe Seite, code.claude.com) beschreibt, wonach er schaut: Anweisungen, die für ältere Modelle geschrieben sind, Verweise auf Dateien oder Befehle, die es nicht gibt, und Dateien, die einander widersprechen.

Das Ergebnis ist ein Bericht mit Ände­rungs­vor­schlägen. In Ihren Dateien ändert sich nichts, bis Sie den Agenten bitten, sie anzuwenden. Der Aufruf braucht Claude Code ab Version 2.1.283.

Quellen

7 Einträge, davon 1 Schlüsselarbeitalle erreichbar

Erreichbarkeit automatisch geprüft

  • SchlüsselarbeitDokumentationerreichbar

    Anthropic, How Claude remembers your project (externe Seite, code.claude.com)

    code.claude.comgeprüft 25.10.2026

    Die Herstellerdokumentation zur Projektanweisung und ihren Geltungsbereichen. Sie ist die Quelle für den Satz, auf dem dieses Kapitel steht: Die Datei ist Kontext, keine durchgesetzte Konfiguration, wer etwas verbindlich verhindern will, braucht einen Hook. Dazu die Ladereihenfolge über vier Ebenen, die Größenempfehlung von 200 Zeilen und die Auskunft, dass Claude Code seit Version 2.1.277 auch AGENTS.md selbst liest, standardmäßig aber nur, wenn keine CLAUDE.md im Projekt liegt. Sie belegt außerdem, dass die Datei beim ersten Mal vom Werkzeug erzeugt wird, und beschreibt daneben das zweite Gedächtnis: Notizen, die der Agent sich selbst anlegt, je Repository unter einem eigenen Verzeichnis, maschinenlokal, und beim Start geladen bis zur Grenze von 200 Zeilen oder 25 Kilobyte.

  • Dokumentationerreichbar

    AGENTS.md, a simple, open format for guiding coding agents (externe Seite, agents.md)

    agents.mdgeprüft 25.10.2026

    Der herstellerübergreifende Standard für die Projektanweisung, entstanden aus der Zusammenarbeit von OpenAI Codex, Amp, Jules, Cursor und Factory und inzwischen unter der Agentic AI Foundation der Linux Foundation. Die Seite führt über zwanzig Werkzeuge auf, die das Format lesen, darunter Cursor, GitHub Copilot, Windsurf und Devin, und begründet ihren Platz neben der README. In den Antworten auf häufige Fragen legt sie fest, welche Datei bei einem Widerspruch gilt: die nächstgelegene zur bearbeiteten Datei.

  • Originalarbeiterreichbar

    Evaluating AGENTS.md: Are Repository-Level Context Files Helpful for Coding Agents? (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 25.10.2026

    Die erste systematische Messung, ob eine Kontextdatei dem Agenten tatsächlich hilft, eingereicht am 12.02.2026. Zwei Aufbauten: etablierte SWE-bench-Aufgaben mit maschinell erzeugten Kontextdateien und eine neue Sammlung aus Repositorien, in denen Entwickler eine solche Datei selbst committet haben. Der Befund ist zweigeteilt und wird oft nur zur Hälfte wiedergegeben. Im Mittel steigt die Erfolgsquote nicht, während die Kosten um über 20 Prozent zunehmen; den Grund nennt die Arbeit selbst. Anweisungen werden gut befolgt, Übersichten über das Repositorium nützen nichts, obwohl die Anbieter sie empfehlen.

  • Originalarbeiterreichbar

    Evaluating AGENTS.md: Are Repository-Level Context Files Helpful for Coding Agents? (Volltext) (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 25.10.2026

    Volltext der Messung zu Kontextdateien in der Fassung vom 29.09.2026. Der Kopf nennt die Zugehörigkeiten: drei Verfasser an der ETH Zürich, zwei bei der Firma LogicStar. Abschnitt 4.3 erklärt die Mehrkosten: Die Agenten befolgen die Anweisungen der Datei und testen und suchen deshalb mehr.

  • Dokumentationerreichbar

    LogicStar: Startseite (externe Seite, logicstar.ai)

    logicstar.aigeprüft 25.10.2026

    Produktseite von LogicStar, einer Firma aus dem Umfeld der ETH Zürich: Sie misst Coding-Agenten an der Geschichte des eigenen Repositorys und verbessert sie danach.

  • Dokumentationerreichbar

    Custom instructions with AGENTS.md (externe Seite, learn.chatgpt.com)

    learn.chatgpt.comgeprüft 25.10.2026

    OpenAIs Anleitung, wie Codex seine Projektanweisungen findet: eine persönliche Datei im Codex-Verzeichnis unter ~/.codex, danach je Ordner von der Wurzel des Repositorys bis zum Arbeitsverzeichnis höchstens eine Datei, wobei AGENTS.override.md die gewöhnliche Datei im selben Ordner ersetzt. Die Dateien werden aneinandergehängt, bis zusammen 32 KiB erreicht sind.

  • Artikelerreichbar

    My AI Adoption Journey (externe Seite, mitchellh.com)

    mitchellh.comgeprüft 25.10.2026

    Mitchell Hashimoto beschreibt am 05.02.2026 seinen Weg zur Arbeit mit Agenten. Der fünfte Abschnitt heißt „Engineer the Harness“ und ist die Stelle, an der das Wort seine heutige Bedeutung bekommt: Der Autor sagt selbst, dass er keinen eingeführten Ausdruck dafür kennt, und vergibt einen. Damit ist die Prägung belegt und zugleich, dass es vorher keinen Namen gab.

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