GrundlagenKI jenseits der SprachmodelleKapitel 11 von 15

Woher der Begriff KI kommt

Gleiches Kapitel, drei Tiefen. Die Wahl gilt überall und bleibt gespeichert.

Tiefe 1: Überblick · Lesezeit 8 Min. · Stand

Kapitel 01 bestimmt KI so, wie das Gesetz es tut: über das Ableiten. Das ist die verbindliche Antwort, und sie ist 68 Jahre jünger als das Wort.

Das Wort selbst stammt aus einem Antrag auf Forschungsgeld. Wer wissen will, warum das Fach heißt, wie es heißt, und warum es bis heute keine feste Definition hat, liest dieses Papier.

Ein Antrag von 1955 gibt dem Fach seinen Namen

Am 31. August 1955 reichten vier Wissenschaftler einen Antrag auf Forschungsgeld (externe Seite, www-formal.stanford.edu) ein. Sein erster Satz enthält den Begriff: Beantragt wird eine Studie über künstliche Intelligenz, zwei Monate lang mit zehn Leuten, im Sommer 1956 am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire.

Die vier waren John McCarthy, Marvin Minsky, Nathaniel Rochester und Claude Shannon, und einer davon, Shannon, hatte sieben Jahre zuvor die Infor­ma­ti­ons­theorie begründet.

Der Satz danach ist die eigentliche These des Fachs. Die Studie soll von der Vermutung ausgehen, dass sich jeder Aspekt des Lernens und jede andere Eigenschaft von Intelligenz im Prinzip so genau beschreiben lässt, dass eine Maschine sie nachbilden kann.

Eine Vermutung also, ausdrücklich als solche bezeichnet. Sie ist bis heute weder bewiesen noch widerlegt.

Was die vier sich vorgenommen hatten

Der Antrag (externe Seite, www-formal.stanford.edu) zählt sieben Gebiete auf, die er Aspekte des Problems der künstlichen Intelligenz nennt, und die Liste ist der Grund, warum dieses Papier mehr ist als eine Anekdote:

  1. Automatische Rechner
  2. Wie ein Computer Sprache benutzen kann
  3. Neuronennetze
  4. Die Größe einer Berechnung
  5. Selbst­ver­bes­se­rung
  6. Abstraktionen
  7. Zufall und Kreativität

Sechs dieser sieben haben in diesem Lernpfad ein eigenes Kapitel. Die Tagesordnung von 1955 ist das Inhalts­ver­zeichnis von heute.

Der dritte Punkt verdient dabei einen eigenen Blick. Er fragt im Antrag (externe Seite, www-formal.stanford.edu), wie sich eine Menge von Neuronen, ausdrücklich als hypothetisch bezeichnet, so anordnen lässt, dass daraus Begriffe entstehen. Er steht dort neben den regelbasierten Ansätzen. Beide Familien, die Kapitel 01 unterscheidet, stehen von Anfang an in demselben Papier.

Die Definition, die einer der vier später nachlieferte

Jahrzehnte danach hat McCarthy die Frage selbst beantwortet, was KI eigentlich sei, auf einer Seite mit genau dieser Frage (externe Seite, www-formal.stanford.edu): die Wissenschaft und Technik, intelligente Maschinen zu bauen, vor allem intelligente Computerprogramme.

Das verschiebt die Frage auf das Wort intelligent, und auch dafür hat er eine Antwort: Intelligenz sei der rechnerische Anteil der Fähigkeit, in der Welt Ziele zu erreichen.

Bemerkenswert daran ist, was fehlt. Von Menschen ist keine Rede, von Bewusstsein auch nicht. Damit wird Intelligenz zu etwas, das man einer Maschine zusprechen kann, ohne über Denken zu reden.

Das Kürzel, das die Lücke füllen soll

Die Vermutung von 1955 galt jedem Aspekt des Lernens und jeder anderen Eigenschaft von Intelligenz. Für eine Maschine, die das alles kann, hat sich später ein Kürzel eingebürgert: AGI, Artificial General Intelligence. Eine geteilte Definition hat es so wenig wie das Wort, aus dem es hervorging, und die drei, die am häufigsten benutzt werden, messen drei verschiedene Dinge.

OpenAI legt sich in seiner Grund­satz­er­klä­rung (externe Seite, openai.com) auf eine wirtschaftliche Bestimmung fest: AGI heißen dort hochgradig autonome Systeme, die Menschen bei den meisten wirtschaftlich wertvollen Arbeiten übertreffen.

Google DeepMind legt den Begriff in einer 2023 eingereichten Arbeit (externe Seite, arxiv.org) in eine Tabelle mit Stufen, nach Leistung und nach Breite, und nimmt die Selbständigkeit eines Systems als dritte Größe hinzu. Die Stufen sollen eine gemeinsame Sprache liefern, um Modelle zu vergleichen, Risiken einzuschätzen und den Fortschritt auf dem Weg zu AGI zu messen.

Die Chatprogramme jenes Jahres stehen in dieser Tabelle auf Stufe 1 von 5, und OpenAIs Bestimmung ordnen die Autoren auf Stufe 4 ein. Chollet schließlich bestimmt Intelligenz in einer Arbeit von 2019 (externe Seite, arxiv.org) als Effizienz beim Erwerb von Fertigkeiten, also über die Geschwindigkeit, mit der ein System aus wenig Erfahrung eine neue Fähigkeit gewinnt. Daraus baut er einen Test, den Beurteilen und Einordnen, Kapitel 04 beschreibt.

Ein Anbieter bestimmt das Kürzel also über Arbeit, eine Forschungsarbeit über Stufen, ein Test über Lern­ge­schwin­dig­keit. Wer AGI sagt, sollte dazusagen, welche der drei gemeint ist.

Was vor dem Wort schon da war

Die Frage ist älter als ihr Name. McCarthy nennt auf derselben Seite (externe Seite, www-formal.stanford.edu) selbst den frühesten Beleg, und es ist ein Vortrag, den Alan Turing 1947 darüber hielt.

Turings bekannter Aufsatz mit dem Nachahmungsspiel erschien 1950, also fünf Jahre vor dem Antrag. Das Wort künstliche Intelligenz kommt darin nicht vor. Es entstand später und aus einem anderen Anlass: Vier Leute brauchten einen Namen für das, wofür sie Geld beantragten.

Der Bericht, der das Geld abdrehte

Achtzehn Jahre später schrieb James Lighthill für den britischen Forschungsrat eine Bestandsaufnahme (externe Seite, chilton-computing.org.uk). Sein Urteil steht in einem Satz: In keinem Teil des Fachs hätten die bisherigen Entdeckungen die große Wirkung gehabt, die damals versprochen worden war.

Er beschreibt dabei eine Stimmung, die er im Fach vorfand: Die meisten, die in der KI-Forschung und in den Nachbarfächern arbeiten, gestehen eine deutliche Enttäuschung über das ein, was in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren erreicht wurde.

Die Folge war die weitgehende Streichung der britischen KI-Förderung. Der Begriff KI-Winter für solche Phasen stammt aus dieser Zeit, und dieser Bericht ist das einzige Dokument, an dem sich einer davon mit einem Datum festmachen lässt.

Woran Sie eine Altlast im Begriff festmachen

Der Name ist älter als jede Definition. Er kommt aus einem Antrag von 1955, und die verbindliche Bestimmung gibt es erst seit 2024.

Die Grundthese ist eine Vermutung. Der Antrag sagt das selbst, und daran hat sich nichts geändert.

Beide Familien waren von Anfang an dabei. Neuronennetze und Regelwerke stehen in derselben Aufzählung.

Ein Rückschlag hat ein Datum, der andere nur einen Namen. Für 1973 gibt es ein Papier, für die Achtziger nicht.

Das Kürzel AGI hat drei Definitionen. Eine wirtschaftliche, eine gestufte und eine messende, und sie meinen drei verschiedene Dinge.

Quellen

6 Einträge, davon 3 Schlüsselarbeitenalle erreichbar

Erreichbarkeit automatisch geprüft

  • SchlüsselarbeitOriginalarbeiterreichbar

    A Proposal for the Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence (externe Seite, www-formal.stanford.edu)

    www-formal.stanford.edugeprüft 22.10.2026

    Der Förderantrag vom 31.08.1955, mit dem John McCarthy, Marvin Minsky, Nathaniel Rochester und Claude Shannon eine zweimonatige Zusammenkunft für den Sommer 1956 beantragten. In seinem ersten Satz steht das Wort artificial intelligence, und damit ist dieses Papier die Geburtsurkunde des Fachbegriffs. Der Antrag zählt sieben Arbeitsgebiete auf, darunter Sprache, neuronale Netze, Selbstverbesserung, Abstraktion und Zufall; die Liste liest sich wie ein Inhaltsverzeichnis der KI von heute. John McCarthy hat den Text auf seiner Stanford-Seite als HTML abgelegt, weshalb er im Wortlaut prüfbar ist.

  • SchlüsselarbeitOriginalarbeiterreichbar

    Artificial Intelligence: A General Survey (externe Seite, chilton-computing.org.uk)

    chilton-computing.org.ukgeprüft 25.10.2026

    Der Bericht, den James Lighthill 1972 für den britischen Science Research Council schrieb und der 1973 zur weitgehenden Streichung der KI-Förderung in Großbritannien führte. Er teilt das Fach in drei Kategorien und richtet sein Urteil gegen die mittlere, die zwischen den beiden anderen vermitteln sollte. Der Bericht ist damit das einzige datierte Dokument, an dem sich ein KI-Winter festmachen lässt; für den zweiten in den achtziger Jahren gibt es kein vergleichbares Papier. Das Rutherford Appleton Laboratory hält den Volltext als HTML vor, samt der Entgegnungen von Sutherland, Needham und Longuet-Higgins.

  • SchlüsselarbeitOriginalarbeiterreichbar

    On the Measure of Intelligence (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 25.10.2026

    Die Arbeit, in der François Chollet 2019 den Test ARC vorstellt. Sie begründet zugleich, warum eine Punktzahl an einer festen Aufgabensammlung wenig über Intelligenz sagt: Wer genug Vorwissen und Trainingsdaten hineingibt, kann sich beliebige Fertigkeiten erkaufen. Chollet setzt dagegen die Lerneffizienz, also die Geschwindigkeit, mit der ein System aus Erfahrung eine neue Fähigkeit gewinnt.

  • Dokumentationerreichbar

    What is Artificial Intelligence? (externe Seite, www-formal.stanford.edu)

    www-formal.stanford.edugeprüft 22.10.2026

    John McCarthys eigene Beantwortung der Frage, was KI sei, Jahrzehnte nach der Wortschöpfung von 1955. Drei Angaben zählen daran: seine Definition des Fachs, seine Definition von Intelligenz als rechnerischem Anteil der Fähigkeit, Ziele zu erreichen, und seine Antwort auf die Frage nach einer festen Definition von Intelligenz, die schlicht Not yet lautet. Die dritte ist die bemerkenswerteste, denn sie kommt von demjenigen, der das Wort in die Welt gesetzt hat. Die Seite nennt außerdem Turings Vortrag von 1947 als frühesten Beleg der Idee. Der Fließtext liegt unter node1.html; die Adresse ohne diesen Zusatz führt nur zum Inhaltsverzeichnis.

  • Originalarbeiterreichbar

    OpenAI Charter (externe Seite, openai.com)

    openai.comgeprüft 25.10.2026

    Die Grundsatzerklärung von OpenAI, in deren erstem Absatz die Definition steht, mit der das Unternehmen den Begriff AGI benutzt: hochgradig autonome Systeme, die Menschen bei den meisten wirtschaftlich wertvollen Arbeiten übertreffen. Das ist eine wirtschaftliche Bestimmung, und die Arbeit von Google DeepMind zu den Stufen der AGI ordnet sie auf ihrer Skala als vierte von fünf Stufen ein. Die Seite selbst nennt kein Datum; die DeepMind-Arbeit zitiert sie als OpenAI 2018.

  • Originalarbeiterreichbar

    Levels of AGI for Operationalizing Progress on the Path to AGI (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 25.10.2026

    Die Arbeit von Google DeepMind (Morris und sieben Mitautoren, eingereicht am 04.11.2023, ICML 2024, fünfte Fassung vom 24.09.2025), die den Begriff AGI in eine Tabelle mit zwei Achsen legt: Leistung in sechs Stufen von 0 bis 5 und Breite in zwei Spalten, eng oder allgemein. Sie ordnet die damaligen Chatprogramme (ChatGPT, Bard, Llama 2, Gemini) als Stufe 1 ein, Emerging AGI, und führt Stufe 2, Competent AGI, zum Zeitpunkt des Schreibens als von keinem öffentlichen System erreicht; OpenAIs Definition über den Ersatz menschlicher Arbeit entspricht nach ihrer Lesart Stufe 4. Die Tabelle und diese Einordnungen stehen nur in der Druckfassung (Tabelle 1 und Abschnitt 4), das Abstract auf der Seite ist mit dem der Druckfassung wortgleich.

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